Die Apokalypse des Johannes - 200. Vortrag von Wolfgang Peter, 2024

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200. Vortrag vom 13. Februar 2024

Begrüßung, Wochenspruch 45 und der Urgedanke des Denkens 00:00:28

Alles läuft, nur ich laufe nicht, ich sitze. Heute ist ja Fasching-Dienstag, also sind jetzt alle unterwegs, macht aber nichts. Dafür gibt es zuerst einmal die Begrüßung zum zweihundertsten Vortrag zur Apokalypse. Es war der Vorschlag, es müsste heute zweihundert Minuten dauern – wir werden schauen, was wird. Also jedenfalls der Zweihundertste, und dazu der fünfundvierzigste Wochenspruch. Das ist ein schöner, ein langer, gar nicht faschingsmäßig, sondern eigentlich ernst.

Es festigt sich Gedankenmacht
Im Bunde mit der Geistgeburt,
Sie hält der Sinne dumpfe Reize
Zur vollen Klarheit auf.
Wenn Seelenfülle sich
Mit dem Weltenwerden einen will,
Muss Sinnesoffenbarung
Des Denkens Licht empfangen.

Also der Urgedanke, der ja eigentlich schon in der Philosophie der Freiheit bei Steiner ausgesprochen ist: Die Sinneswahrnehmung allein ist nur die Hälfte, ist daher eigentlich nur Schein, eine noch unwirkliche Hälfte. Und in die Wirklichkeit tauchen wir erst ein, wenn das Denken dazukommt – das für sich genommen zunächst auch nur Schein ist. Aber zwei Scheine, wenn die zusammenscheinen, dann scheint mir, dass wir der Wirklichkeit näherkommen könnten.

Da gibt es natürlich noch viel zu sagen dazu, aber das Wichtige für uns ist auf jeden Fall: Wir haben die Chance, an dem Sinnlichen draußen unser Denken zu entzünden, unser Denken entgegenzutragen. Und das ist keineswegs Willkür, was wir da entgegentragen. Wir können natürlich Willkür entgegentragen, aber dann wird es nicht einschnappen, sozusagen, mit dem, was uns durch die Sinneswelt entgegenkommt. Wir müssen Gedanken dem entgegenbringen, die auch der sinnlichen Erscheinung gerecht werden.

Das kann oft eine Weile dauern, bis man das findet. Es springt einem nicht gleich zu, denn dann wäre auch unser Erleben ganz anders: Wir stünden sofort mitten in der Wirklichkeit drinnen, und das ist eigentlich nicht der Fall. Wir glauben es nur oft. Wir glauben es deswegen, weil wir natürlich viele Gedanken mitbringen, die schon zur Gewohnheit geworden sind, und gegenüber den Dingen, die wir so üblicherweise sehen, erkennen wir es auch sofort.

Aber wenn man sich zurückversetzt in die Kindheit – gut, da können wir uns nicht erinnern, das ist schwierig –, das Kind kann, bis das Denken erwacht, also bis ins dritte, vierte Lebensjahr hinein, die Dinge eigentlich noch nicht wiedererfassen. Das heißt: Selbst wenn es die Farbe Rot am Anfang erlebt, ist es beim nächsten Mal, wo es wieder Rot erlebt, nicht einmal ein Wiedererkennen, dass es Rot ist. Es wirkt aktuell, so wie es ist – die Farbe hat eine Wirkung auf das Gemüt, auf die Seele –, aber es ist keine Erinnerung daran da, dass das jetzt wieder Rot ist. Dazu müsste ich es mit dem Begriff Rot durchdringen, müsste dem Begriff Farbe und speziell Farbe Rot entgegenbringen. Dann erst habe ich die Wirklichkeit des Roten.

Der Begriff kann natürlich auch reicher oder ärmer sein, die Wahrnehmung kann deutlicher oder weniger deutlich sein, aber jedenfalls sind wir erst, wenn beide zusammenkommen, im Wirklichen drinnen. Und das gilt natürlich auch im weiteren Sinn bei einer rein geistigen Wahrnehmung. Auch da muss eigentlich das Denken dazukommen, damit ich es erst als Wirklichkeit ergreife.

Wie schaut ein Engel aus? Bilder der Imagination 00:05:48

Auch da ist es natürlich wieder so, dass wir durchaus Bilder hineintragen in das geistige Erleben, teilweise fast ganz automatisch. Ich habe einmal die Frage gestellt: Wer ist Ahriman? Oder wie schaut ein Engel aus? Naja, er schaut eigentlich gar nicht aus, weil er kein räumliches Wesen ist. Also kann ich mir kein räumliches, nicht einmal ein flächenhaftes Bild in Wahrheit von ihm machen. Sondern wenn ich es als Bild erlebe, dann muss ich wissen, dass ich das bereits gemalt habe. Das kann unbewusst erfolgen, so wie es bei den alten Schauungen passiert ist: Dann steht der Engel da mit seinen Flügeln, aber in menschlicher Gestalt – die hat er eigentlich nicht, weil er eben gar keine räumliche Gestalt hat.

Und trotzdem ist er sehr eng mit uns verbunden, wie alle Engelwesenheiten – Engel, Erzengel, Urengel sind ja sehr eng mit der Menschheitsentwicklung verbunden. Daher ist eine Legitimität da, auch dieses rein geistige Erlebnis des Engels durchaus auf den Menschen und die Menschengestalt zu beziehen, weil ja auch da gewisse Wirkungen im Menschen drinnen sind, indem man sich mit den Engel- und Erzengelwesenheiten auseinandersetzt. Aber für sich genommen schaut er einmal gar nicht aus.

Und trotzdem ist es notwendig, auch für die imaginative Wahrnehmung, sich ein Bild zu malen, in gewisser Weise. Das kann sehr unterschiedlich sein, Bild im weitesten Sinn, weil es durchaus auch, auch wenn es Imagination ist, ein Klangbild sein kann. Es kann ein Geschmacksbild sein. Gerade im Imaginativen sind Geschmacksnuancen durchaus etwas sehr Gängiges. Riechen ist auch eine Möglichkeit, allerdings heikel, weil sich beim Riechen sehr gerne die Widersacher dranhängen.

Man sagt, der Teufel stinkt. Aber es ist nicht nur so, dass er stinkt – es sind oft gerade die wunderbarsten Wohlgerüche, die uns zu irgendwas verführen. Man kennt die Wirkung des Parfums, das kann man sehr gezielt einsetzen. Gerade wenn es dezent ist, unterschwellig bleibt, wird es besonders gefährlich. Alles, was unterschwellig da ist, aber doch wahrgenommen wird, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird, nimmt nur das Unterbewusstsein auf. Mit solchen Dingen führen uns die Widersacher sehr gern in die Irre. Gerade Geruch ist deswegen auch sehr schnell im Unterbewusstsein, weil das Bewusstsein für das Gerochene sehr schnell ausgelöscht wird. Man kann das merken: Wenn man in einem wunderbaren Geruch ist oder auch wenn es fürchterlich stinkt, riecht man es nach relativ kurzer Zeit eigentlich nicht mehr. Es ist weg, ausgeblendet – ein interessanter Mechanismus beim Menschen, dass gerade das dann ins Unterbewusstsein versinkt, aber trotzdem da bleibt.

Und so etwas kann auch Erinnerungen wecken. Sinneseindrücke können Erinnerungen wecken, Gerüche, Töne, die leise im Hintergrund sind. Man schaut irgendetwas ganz anderes an und kommt in eine sentimentale Stimmung, weiß gar nicht wieso – was man sich anschaut, passt eigentlich gar nicht dazu. Aber vielleicht ist es im Hintergrund eine Melodie, die ganz leise anklingt, die man gar nicht bewusst wahrnimmt, oder eine bestimmte Geruchs- oder Geschmacksnuance.

Zum Beispiel wenn ich Theaterstücke auswähle: Ich lese sie und vergesse sie. Bis ich so weit bin, dass ich das Stück nacherzählen kann, muss ich es eigentlich erst gespielt haben – und selbst dann vergesse ich es. Auch wenn man es zwanzigmal gespielt hat, heißt das nicht, dass man sich an jedes Detail erinnern kann. Das ist großteils weg. Aber was überbleibt, ist eine bestimmte Farbe und ein bestimmter Geschmack. Und wenn ich ein Stück auswähle, ist meistens gar nicht der Inhalt das Entscheidende, sondern ich sage: Das Stück schmeckt mir jetzt, es hat eine Farbe, die passt jetzt, für dieses Stück ist der Zeitpunkt da, es zu machen. Das ist das eigentliche Entscheidungskriterium. Wenn ich nach einem neuen Stück suche und alle möglichen Stücke durchlese, weiß ich nach dem fünften sicher nicht mehr genau, was im ersten drinnen war – aber die Geschmacksnuance, die Farbnuance ist da. Und dann spüre ich: Das hat jetzt den richtigen Geschmack. Dann passt es.

Und wenn wir geistig wahrnehmen, dann ist – sagen wir es vorsichtig – ein seelisches Wahrnehmen eines Geistigen da. Das heißt, da wirkt ein geistiges Wesen, und das erregt in uns zunächst ganz untergründig etwas. Sonst wären wir ja alle schon imaginativ sehend – sind wir eigentlich auch alle, nur wissen wir nichts davon, wir kriegen es nicht mit. Es geht darum, es ins Bewusstsein zu heben. Auch mit den Sinneseindrücken draußen nehmen wir mit, was an Seelischem, an Geistigem sich abspielt. Das heißt, wir nehmen die Elementarwesen wahr in Wirklichkeit, und wir nehmen auch die Engelwesenheiten wahr, die um uns sind. Aber es ist ganz tief verschüttet zunächst, weil es eigentlich eine zarte Seelenstimmung ist. Auch das Geistige wird als lebendiges seelisches Bild erlebt, nur eben unterbewusst. Das heißt, für uns ist es zunächst eine ganz vage, untergründige Seelenstimmung, nicht mehr, nichts anderes.

Und dass ich es zur imaginativen Wahrnehmung bringe, dazu ist erforderlich, dass ich selber beginne, das Bild zu malen – in Farben, in Formen, in Geschmacksnuancen von mir aus, sogar in Tönen. Es muss deswegen noch keine Inspiration sein, es kann durchaus auch eine Tonwahrnehmung sein. Eine imaginative Tonwahrnehmung ist aber immer etwas anderes als die Inspiration, die dann kommt. Inspiration wird ja auch gern mit dem Klangelement verbunden, aber da ist es eine viel höhere Stufe. Da geht es dann wirklich darum, die Gedankenharmonien zu hören, zu ergreifen, die hinter diesem seelisch-geistigen Erlebnis drinnen stecken. Das heißt: Wie gehört alles zusammen, was hat das mit mir jetzt hier und heute zu tun? Weil ich als der Wahrnehmende immer der Mittelpunkt des Geschehens bin. Jeder von uns ist Mittelpunkt des Geschehens, wir beziehen es wahrnehmend auch auf uns, wir sind ja die Wahrnehmenden.

Aber wir müssen es eben in dieses Farbbild, in dieses geformte Bild, in dieses Klangbild, in dieses Geschmackserlebnis selber umformen. Beim alten Hellsehen passierte das ganz automatisch, und das ist eigentlich auch ein ganz natürlicher Vorgang, weil wir uns, wenn wir geistig wahrnehmend sind, vom körperlichen Instrument lösen. Es nehmen nämlich trotzdem nicht die Sinne wahr, nicht die äußeren Sinne, sondern es ist die Seelentätigkeit, die dahintersteckt und die sich anders orientiert als bei der Sinneswahrnehmung.

Die Lotusblume: Farbwirkung und die Furcht vor Engeln 00:14:40

Zum Beispiel wirkt bei der Sinneswahrnehmung, beim Sehen insbesondere, sehr stark die zweiblättrige Lotusblume. Sie richtet ihre Blätter, ihre Aufmerksamkeit eigentlich nach innen. Dadurch erlebt man das Sinnesbild, das vor uns ist. Bei der imaginativen Wahrnehmung der Welt um uns herum wendet sich das nach außen: Dann gehen so etwas wie zwei Fangarme geradezu nach außen, die aber nichts mit den Augen zu tun haben, sondern wirklich von dort ausgehen. Und beim Sehen mit den Augen wenden sich genau dieselben Kräfte nach innen. Das heißt, wir lesen dann in unserem eigenen Inneren, und das wird eben durch die Augen, durch das, was das Gehirn tut, umgesetzt in die sinnliche Wahrnehmung – das sind die Werkzeuge dafür. Und die sind letztlich gebaut durch das Seelisch-Geistige, das mit den Farben, mit den Formen mitkommt. In Wahrheit ist es das, was das gebaut hat. Das heißt, es ist durchaus nicht willkürlich, es gibt ein gewisses Zusammenstimmen.

Dass eine Blume rot ist, hat auch etwas mit ihrer seelischen Qualität zu tun. Aber diese seelische Qualität nehme ich nicht allein durch das Rot wahr – wenn ich das Rot auslösche, sehe ich zunächst nichts, aber dann fange ich an zu fühlen, zu spüren, wahrzunehmen, wenn ich aufmerksam genug bin: Was ist denn die Seelenstimmung dahinter, was drückt sich in diesem Rot äußerlich aus? Also das, was Goethe die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben genannt hat. Jede Farbe hat eine bestimmte seelische Wirkung, mit einem gewissen Spektrum. Es kommt auch sehr darauf an, welche Rot-Nuance es ist – gerade bei Neonfarben kann das ganz in eine andere Richtung umschlagen. Ein Neongelb hat eine andere Wirkung als das Gelb einer Blume, ein künstliches Gelb hat eine ganz andere Stimmung. Da kommt etwas extrem Arimanisches durch, das spürt man dann. So sehr es auch hell strahlend ist, hat es geistig eigentlich etwas ganz Verdunkelndes dahinter.

Je mehr wir solche grelle Farben, Neonreklamen, Druckfarben und dergleichen sehen, desto verdunkelnder wirkt es auf die geistige Wahrnehmung – einfach nur, dass das im Umfeld da ist. Wenn wir uns unsere Welt anschauen, dann ist sie heute so eingerichtet, dass alles dazu getan wird, dass geistige Wahrnehmung nicht aufkommt. Das hat auch mit einem gewissen Instinkt der Menschheit zu tun, es ist nicht so, dass da jemand das bewusst steuert. Es ist natürlich ein arimanischer Einfluss dahinter, der viele Menschen beeinflusst, dass solche Farben, solche Lichtdinge entwickelt werden. Aber es hängt damit zusammen, dass die Menschen mit einer gewissen Berechtigung Angst vor der geistigen Wahrnehmung haben – heute ganz besonders.

Ich habe es schon öfter gesagt: Bei jeder Engelerscheinung, schon im Alten Testament, ist das Erste, was der Engel sagt: Fürchte dich nicht. Es ist also keineswegs einfach die beglückende Erscheinung, bei der ich glücklich bin. Der erste Eindruck ist, dass es niederschmetternd ist – es macht mich so klein, es zerstört mich eigentlich geradezu. Und dieses Wort des Engels ist ein kraftspendendes Wort, das zumindest dem, der halbwegs vorbereitet ist, hilft, sich zu halten gegenüber dieser gewaltigen Kraft, die ihm entgegenkommt. Unvorbereitet würde dieser Eindruck geradezu zerstörerisch auf das Seelenleben wirken, würde sehr viel Verwirrung auslösen und uns davon wegbringen, dass wir uns wach, mit unserem Ich im Zentrum, halten können und in aller Ruhe die Erscheinung ergreifen.

Davor sind wir heute bis zu einem gewissen Grad dadurch geschützt, dass wir Engel, Teufel oder Elementarwesen zunächst einmal gar nicht sehen. Der Durchschnittsmensch sieht einmal gar nichts. Daher muss er sich mit diesen starken Kräften, die eine gewaltige Herausforderung für das Seelenleben sind, nicht auseinandersetzen, weil er dem nicht gewachsen wäre. Denn es kommt eine unheimliche Dynamik in das Seelenleben hinein – unser alltägliches Seelenleben in unseren Breiten ist im Großen und Ganzen so etwas von müde. Selbst wenn wir glauben, wir sind schon so enthusiastisch, wie toll das zu erleben – irgendein Konzert oder so –, ist das eine Kleinigkeit gegenüber dem, wenn zum Beispiel ein Engel erscheint. Und das ist wiederum eine Kleinigkeit gegenüber dem, wenn ich meinem Doppelgänger begegne und dann noch sehe, welche Widersacherkräfte dahinterstehen. Das würde unser Seelenleben völlig durcheinanderbringen, wir würden völlig den Boden unter den Füßen verlieren – zumindest für eine gewisse Zeit, aber wenn so etwas öfter passiert, sogar langfristig, für unser normales Erdenleben, das wir ja auch leben sollen und müssen. Gerade heute, im Bewusstseinsseelenzeitalter, ist es ja eine Seite davon, ganz fest und bewusst in der Sinneswelt zu stehen, in der durchaus materiellen Sinneswelt.

Nebenübungen statt Weltflucht: das alte Hellsehen 00:21:28

Es kann also niemals heißen, geistige Entwicklung flüchte vor dieser Welt – ganz im Gegenteil. Das konnte es in alten Zeiten sein und ist teilweise sogar zur Methode ausgebildet worden: Viele östliche Meditationen und Wege gehen eigentlich möglichst darauf aus, sich von der Sinneswelt zu lösen, vielleicht achtsam zu sein auf die Wahrnehmung der eigenen körperlichen Tätigkeit als Vorstufe dazu, dass daraus eine Wahrnehmung der geistigen Welt kommt. Aber da schirmt man sich eher gegen die Außenwelt ab. Etwas, was wir tun in den Nebenübungen, banal einen Löffel oder irgendetwas anzuschauen, ist eher nicht östliche Praxis. Es ist Achtsamkeit, Aufmerksamkeit auf das, was sinnlich um uns herum ist, aber eine besondere Aufmerksamkeit auch auf das, was zum Beispiel den Atemvorgang betrifft, was er im ganzen Körper tut. Damit verankere ich mich aber eigentlich, interessanterweise, relativ stark im Körper drinnen. Das gibt aber auch ganz automatisch die Verbindung, dass die imaginativen Bilder, die dann erlebt werden, eigentlich ganz automatisch einen sinnesartigen Charakter haben, aber sehr intensiv sind in ihrer Wirkung.

Das hängt zusammen vor allem auch mit den unteren Chakren. Es ist ganz interessant, dass gerade die unteren Chakren sehr intensiv mit den Sinnesqualitäten als solchen zusammenhängen. Was wir erleben, ist dann nur die Abschattung, oben wird es am meisten abgeschattet zunächst. Aber beim alten Hellsehen durchdringen diese unteren Kräfte die geistige Wahrnehmung, und dann steht sie wirklich wie ein Sinnesbild vor uns. Man sieht nur, dass es eine Konfiguration hat, die so in der Sinneswelt nicht vorkommt. Natürlich kann auch im alten Sinne der Hellseher das sehr wohl von einer sinnlichen Wahrnehmung unterscheiden, aber es ist auf jeden Fall sinnesartig – und im alten Hellsehen sofort deutlich intensiver als die Sinneswahrnehmung. Es lebt in den Sinnesqualitäten, aber es ist stärker.

Das heißt: Wenn die Propheten des Alten Testaments – und das ist eigentlich schon eine späte, schon ziemlich schwache Phase – ihre Engelerscheinungen schildern, dann muss man sich vorstellen, dass diese Erscheinung viel intensiver ist, als wenn jetzt vor ihnen ein Mensch mit Flügeln erscheinen würde. Das wäre ein blasses Bild gegenüber dem Erleben, wie der Engel präsent ist. Aber durchaus in ein sinnliches Bild gekleidet, weil der Engel eben keine sinnliche, keine räumliche Gestalt hat. Wenn ich schon ein realistischeres Bild des Engels zeigen wollte, wie er wirklich ist, dann müsste ich ihn zeigen, wie er in den Wasserdünsten, in den Wasserläufen lebt, ganz verteilt – da irgendwo ein Wölkchen, dort ein rieselndes Wasser, im aufsteigenden Wasser oder im Regen, der herunterkommt. In dem allen leben die Engelwesenheiten. Das ist der reale, sinnliche Abglanz dessen, was man als Erscheinung des Engels bezeichnen könnte. Aber er hat eben keine zusammenhängende Gestalt, überhaupt nicht. Denn tatsächlich haben die Engel auch einen physischen Leib, aber sie leben nicht wirklich drinnen in diesem physischen Leib, sondern er ist getrennt, komplett getrennt von ihrem Ich. Ihr Ich ist nicht in diesem physischen Element drinnen. Das ist in anderer Art auch bei den weiteren Engelhierarchien so: dass sie zwar etwas Physisches haben, auch etwas Ätherisches, etwas Astralisches, das aber Außenseite für sie ist. Ihr Ich ist wirklich getrennt davon.

Engelflügel, Karma und das Selbstporträt im Bild 00:26:37

Das heißt: Im alten Hellsehen trägt man, wenn man eine Engelerscheinung hat, das Menschenbild in diese Erscheinung hinein, und diese Erscheinung wird menschenähnliche Gestalt haben – das ist ganz folgerichtig, weil der Engel Beziehung zu uns hat. Und er wird das Typische mit den Flügeln haben. Die Flügel hängen eigentlich in Wahrheit mit unseren Armen zusammen. Denn mit unseren Armbewegungen – ich glaube, ich habe das schon öfter erzählt – denken wir unser Schicksal, unser Karma. Das heißt, alles das, was aus früheren Inkarnationen stammt, auch das, was jetzt in der Zukunft seine Wirkung entfalten wird. Wenn man unsere Armbewegungen, unsere ganzen Bewegungen zusammennimmt und sie alle übereinanderkopiert, in schneller Bewegung, dann erscheint eigentlich genau das Bild der Flügel. Das ist diese Bewegung – wir flattern eigentlich ununterbrochen durch unser Schicksal.

Und bei der imaginativen Wahrnehmung ist im Übrigen sehr stark auch unser Muskelsystem beteiligt, gerade dann, wenn wir es in Ruhe halten. Dann ist eigentlich die Chance gegeben, diese Kraft, die normalerweise in den Muskeln tätig wird, wirklich zur Imagination zu bilden, indem wir sie selber, mit unserer Muskelkraft, bilden – aber ohne die Muskeln wirklich äußerlich zu bewegen. Dann schicken wir diesen ganzen Willen, der normalerweise in die äußere Bewegung geht, in die Formung des Bildes hinein.

Und damit ist noch etwas Interessantes verbunden: dass wir in gewisser Weise eigentlich sogar uns selbst malen. Das heißt, in Wahrheit erkennen wir in dem Engel auch uns selbst, in der Wahrnehmung, die drinnen ist. Man kennt es ja, wenn man ein Porträt malt – selbst wenn man einen fremden Menschen porträtiert, ist etwas vom Eigenen drinnen, ein Zug vom Eigenen. Selbst ein gutes, treffendes Porträt, gemalt von einem Künstler: Da ist sicher viel drinnen von dem Anderen, viel Seelisches, das durch die Formen und Farben durchleuchtet, aber es ist auch das drinnen, wie ich ihn sehe, wie ich ihn erlebe. Und das drückt sich im Bild aus. Auch wenn man ohne Modell ein Porträt zu malen anfängt, wird es immer, wenn man genauer hinschaut, ein Selbstporträt – ohne dass man in den Spiegel schaut dabei. Es geht nämlich nicht über die äußere Wahrnehmung, sondern über die innere Wahrnehmung. Das kommt aus unseren Bewegungen heraus, und diese Bewegungen, die wir mit den Gliedmaßen machen, sind in anderer Form auch da oben drinnen, da sind sie Gestalt geworden – und vor allem das, was Bewegungen in einer früheren Inkarnation waren. Das heißt, wenn wir uns zeichnen, zeichnen wir auch immer etwas mit aus unseren früheren Inkarnationen. Das leuchtet durch.

Wenn wir das nur erkennen könnten – das ist die Schwierigkeit dran. Denn jetzt habe ich das Bild, schaue es an und weiß immer noch nicht, wer ich war. Es ist versteckt, verschlüsselt im Bild drinnen. Lesen kann ich es erst in dem Moment, wo ich geistig wahrnehmend werde für meine frühere Inkarnation, dann erkenne ich es auch im Bild. Sonst erkenne ich es nicht, allenfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass es auch Ähnlichkeiten mit mir heute hat. Das heißt, das Bild, das ich so frei scheinbar male, ist etwas, was im Grunde den Übergang von der früheren, meistens der letzten bedeutsamen Inkarnation in die jetzige hineinbringt. Es ist der Weg von der früheren Inkarnation in die heutige, wie sich das heutige Gesicht geformt hat aus den Bewegungen, Tätigkeiten der früheren Inkarnation. Was nehmen wir mit? Im Kopf haben wir ein Abbild der ganzen früheren Inkarnation, das ist der Rest sozusagen – wir haben immer einen Rest von früher. Das heißt, wo sehe ich die frühere Inkarnation? Ich brauche mir nur in den Spiegel zu schauen. Nichts anderes. Nur müsste man lesen können, was da in dem Gesicht drinnen ist, das mir entgegenschaut. Also die Menschengestalt als solche ist drinnen, die Bewegungsgestalt des Menschen ist drinnen in der Imagination.

Und das Bild, das durch das alte Hellsehen entsteht, ist dann deutlich stärker als die stärkste Sinneswahrnehmung, die damals möglich war. Denn je weiter man zurückgeht, desto blasser wird die äußere Sinneswahrnehmung und desto stärker ist die geistige Wahrnehmung. Daher hatten die Menschen schon in der urindischen Zeit, wo es beginnt sich zu verdunkeln, den Eindruck, es ziehe sich ein Schleier darüber – die geistige Wahrnehmung wird zugunsten der Sinneswahrnehmung abgeblasst.

Lessing, LSD und die Doppelgänger-Gefahr 00:33:40

Heute sind wir in einer ganz anderen Situation, zumindest dann, wenn wir nicht noch aus früheren Inkarnationen die Anlage zum alten Hellsehen mitbringen, sondern wenn wir es uns wirklich heute neu erwerben, als Mensch unserer Zeit. Und der Mensch unserer Zeit ist dadurch charakterisiert, dass er zunächst einmal nichts sieht. Vielleicht wird er sogar so wie Lessing, der wirklich ein großer Denker war, der sogar ganz deutlich über Inkarnation nachgedacht hat und sah: Die ganze Geschichte der Menschheit erklärt sich eigentlich nur dadurch, wenn ich annehme, dass es die Inkarnation gibt. Denn was bringt die Entwicklung weiter, wenn nicht die einzelnen Menschen, die hindurchschreiten und immer wieder Stufe für Stufe höher steigen? In einem Leben ist es unmöglich, das zu erreichen, also muss man in ein nächstes Leben kommen. Das war für ihn ganz klar – er war ein sehr geistiger Mensch, aber absolut kein hellsichtiger Mensch. Er brüstete sich sogar damit, in seinem Leben noch nie geträumt zu haben. Auch in der Nacht sieht er nichts, bei Tag sieht er nichts Geistiges, in der Nacht sieht er auch die Träume nicht. Alles, was er erlebt, ist bei ganz wachem Bewusstsein.

Es reicht bei ihm noch nicht für die neue geistige Wahrnehmung, zumindest nicht so, dass er sie zur Imagination machen kann – aber er kann sie sehr wohl in seinem Denken fassen. Das heißt, er bringt dem, was unbewusste geistige Wahrnehmung ist, ein Denken entgegen, das Geistiges zu erfassen vermag. In seinen Gedanken bildet sich zunächst ab, was er unbewusst geistig wahrnimmt, aber das hat nichts mehr mit dem alten Hellsehen zu tun. Denn das würde sofort in eine bewusste geistige Wahrnehmung hinüberspringen und könnte sehr dramatisch, sehr intensiv sein.

Wenn man sich eine Vorstellung davon machen will – ich kann es nicht aus eigenem Erleben schildern, weil ich die Erfahrung nicht gemacht habe –, aber wenn man zum Beispiel LSD nimmt oder Ähnliches, neigt das dazu, die Sinneswahrnehmung selber zu intensivieren, in Bewegung zu bringen, weil sich in Wahrheit geistige Wahrnehmungen hineinmischen. Es kommt näher heran an eine Wahrnehmung, die das Geistige ist, nur völlig verzerrt, völlig verwirrend. Aber die Intensität ist viel größer, viel intensiver. Auch Mescalin und dergleichen führen zu sehr intensiven Wahrnehmungen, wo die Sinneswahrnehmungen total umgestaltet werden, weil eben Geistiges hineinspielt. Dann hat man ein wildes Durcheinander von sinnlichen und geistigen Eindrücken, und da ist es dann wohl auch angesagt zu sagen: Fürchte dich nicht. Denn am Anfang ist es vielleicht erhebend, aber es kann einem auch das Fürchten kommen, wenn dann auch die Doppelgängerkräfte auftauchen, die sich hineinspielen und nicht klar bewusst gefasst sind. Es ist ja die Kunst, sich dem Doppelgänger gegenüber wirklich aufrecht zu erhalten, weil der eine immense Intensität hat.

Und da ist auch die große Diskrepanz zwischen unserem Ich, das noch so schwach ist, dass es sich eigentlich nicht einmal selbst wahrnehmen kann, höchstens als Pünktchen irgendwo, und dem Großen, das unser kleines Ich, eigentlich unser Ego, ist – wo aber zu einem großen Teil eben Doppelgängerkräfte drinnen sitzen. Und je weiter die Menschheitsentwicklung geht – weil die Doppelgängerkräfte auch etwas mit unserem Karma, unserem Schicksal zu tun haben, da ist all das drinnen, was wir uns an Unarten in früheren Inkarnationen zugelegt haben, das wirkt da drinnen. Der Doppelgänger kleidet sich in eine mehr oder weniger menschliche Gestalt, vielleicht ein bisschen verzerrt, aber typisch wieder die menschliche Gestalt, unsere nämlich, nur mit einer ungeheuren Intensität. Viel, viel stärker, als wenn wir selbst heute, ganz im Ego drinnen, uns austoben und uns ganz durchrüttelt von Kraft fühlen, wenn unser Ego sich austobt, wenn uns etwas so richtig Spaß macht oder wir Zorn haben – da lebt man zwar intensiv, aber es kann um einiges stärker werden. Es gibt Übergänge, wo das noch nicht so deutlich hervortritt, dann ist es gedämpft, aber wenn es klar hervortritt, ist die seelische Intensität riesig groß.

Wir haben heute in unserem Doppelgängerteil sehr starke Kräfte drinnen. Wir haben auch eine andere Seite, wir haben alle schon einen Teil unseres Seelisch-Astralischen, der bereits verwandelt, der bereits Geistselbst geworden ist – aber das ist im Allgemeinen nur der kleinere Teil heute, da ist es noch nicht so weit her. Das heißt, im entscheidenden Moment, wenn eine Doppelgängerbegegnung kommt, ist der normalerweise wesentlich stärker als das, was ich aus dem Geistselbst, aus meinem höheren Selbst, entgegenstellen könnte. Und dann ist das ein Erlebnis, das schwer zu ertragen ist und auch ziemliche Verwirrung in unser irdisches Leben hineinbringt. Denn das sind Erlebnisse, von denen man nicht sagen kann, da war nichts – das taucht immer wieder auf, das bohrt irgendwo. Und es muss auch auftauchen, wenn wir einen geistigen Entwicklungsweg gehen wollen. Das ist heute, gerade in unserem Bewusstseinsseelenzeitalter und namentlich im 21. Jahrhundert, geprägt durch einen sehr starken arimanischen Einfluss, der zwar noch lange nicht auf der Höhe ist, aber trotzdem stärker als früher. Da geht es ziemlich bergauf, eben damit wir auch unsere Kräfte daran schulen.

Der unbewusste Schulungsweg und Ahrimans Ätherangriff 00:41:50

Das ist auch nicht so einfach ein Versehen in der Menschheitsentwicklung, sondern wir werden damit konfrontiert, weil die Zeit reif ist, sich damit auseinanderzusetzen, daran die Kräfte zu entwickeln. Es wird frei zugelassen, auch von der höheren geistigen Welt – wir werden nicht davor bewahrt, jedenfalls nicht dann, wenn für uns der Zeitpunkt reif ist, dem gegenüberzutreten. Dann kommt dieses Erlebnis, selbst wenn man nicht gezielt bewusst einen Schulungsweg anstrebt. Denn wir gehen unbewusst in jeder Inkarnation einen Schulungsweg, weil wir an uns arbeiten – sonst wären wir keine Menschen. Indem wir ein Ich in uns tragen, arbeiten wir an uns, und das heißt, wir entwickeln uns geistig weiter, wir entwickeln unsere Wesensglieder weiter dadurch. Das heißt, wir arbeiten am Astralischen, wir arbeiten am Ätherischen, wir arbeiten sogar am Physischen – zunächst unbewusst.

Das geht schon zurück bis in die ägyptische Zeit: Was entwickeln wir dort? Die Empfindungsseele. Die Empfindungsseele heißt aber bereits, dass das Ich unbewusst an unserem Seelisch-Astralischen arbeitet. Da fängt es eigentlich so richtig an, mit Einsatz der ägyptischen Zeit ist ein gewisser starker Schnitt drinnen, früher war das anders. Aber da beginnt es, dass unser Ich wirklich an den einzelnen Wesensgliedern zu arbeiten beginnt – vorher noch nicht, außer bei ausgewählten Menschen, die ihrer Zeit voraus sind, die dann auch die großen Eingeweihten sind. Und in der griechisch-lateinischen Zeit arbeiten wir an unserem Ätherleib, arbeiten natürlich auch jetzt weiter daran. Das heißt, wir beginnen bereits Lebensgeist vorzubereiten, zunächst nur in seiner unbewussten Abspiegelung als Verstandes- oder Gemütsseele. Da sind die Bildekräfte drinnen, wir arbeiten mit den Lebenskräften.

Und der Ahriman macht heute vor allem eine große Attacke auf diese Ätherkräfte. Diese will er umwandeln – nicht zu wirklich lebendig formenden Kräften, sondern sie immer starrer zu machen. Ihnen damit zwar eine durchaus große Kraft zu verleihen, aber eine Kraft, die ganz darauf ausgerichtet ist, sich ans Physische zu ketten. Das heißt, die arimanischen Wesenheiten haben einen starken Einfluss darauf, das Ätherische mit dem Physischen geradezu zu verschmelzen, zusammenzuführen und dadurch das Ätherische weniger beweglich, starrer zu machen – zu mechanisieren wäre übertrieben, weil das beim Ätherischen nicht wirklich geht, aber es dem näherzubringen. Und die höheren, lebendigen Formen dem Ätherleib eigentlich auszutreiben und mehr in die niederen Formen herunterzuziehen.

Damit ist schon ein ganz starker Gegenimpuls auch zur Christuskraft verbunden, weil der Christus in uns, der sich mit unserem Ich, mit uns überhaupt verbunden hat, ganz besonders im Ätherischen wirkt, und dort ganz besonders belebend. Das heißt belebend, dass es erstens gesund für uns ist, aber es heißt auch, dass wir uns mit seiner Hilfe, wenn wir selber entsprechend arbeiten, wieder an die höheren Ätherkräfte herantasten. Was sind die höheren Ätherkräfte? Das ist insbesondere der Lebensäther und der Klangäther – das sind die Sphärenharmonien, die kosmischen Harmonien überhaupt, und darüber hinaus die Lebensätherkräfte, die höchste Ätherkraft, die der Christus in sich entwickelt hat. Da geht es darum, dem Christus nachzueifern. Man könnte es auch mit dem Bild des Alten Testaments bringen: Es sind das die eigentlichen Kräfte des Baumes des Lebens, des ursprünglichen Paradiesbaumes in Wahrheit. Und diese Kräfte wurden uns durch den Sündenfall entzogen, zumindest die Herrschaft darüber – sie wurde unter höhere Herrschaft gestellt. Wir stehen aber jetzt für die Zukunft an dem Übergang, dass wir die Herrschaft darüber übernehmen sollen, dass wir Einfluss darauf haben. Und das macht es gefährlich, weil es, je weiter wir in die Zukunft gehen, immer mehr so sein wird, dass wir diese Kräfte selber führen müssen, und uns nicht darauf verlassen können, dass es von oben schon richtig geführt wird. Wenn wir es dann nicht führen, besteht eher die Gefahr, dass die arimanischen Kräfte hineingreifen und das alles auf eine niedrigere Ebene herunterziehen: in den Bereich der niederen Ätherkräfte, in den Bereich der Lichtätherkräfte, die schon niedriger sind als die Klangätherkräfte und erst recht niedriger als die Lebensätherkräfte. Und dann die Wärmeätherkräfte.

Wärmeäther, Atomkraft und die arimanische Gehirnkopie 00:49:03

Die Wärmeätherkräfte sind ganz besonders gefährdet, weil der Ahriman ganz besonders arimanische Mächte im weitesten Sinne benutzt. Man kann die ganze dunkle Seite mit diesem Namen grob bezeichnen: die Seite, die uns von der höheren geistigen Welt wegzieht und alles Geistige in die materielle Welt hinunterziehen will. Wir hatten schon mehrmals davon gesprochen: Im Kern der Materie, also was Materie in Wirklichkeit ist, hängt sie eigentlich am allerstärksten mit der Wärme zusammen, mit den Wärmekräften. Wärmeäther, der aber auch in äußere, sinnliche Wärme übergeht oder übergehen kann. Wenn man zum Beispiel Atomkraft hernimmt – nehmen wir gleich ein starkes Beispiel –, dann sind Kräfte, die sogar im Atomkern drinnen sind, bis zu einem gewissen Grad materialisiert. Was heißt materialisiert? Es heißt, dass sie gefangen sind, in einem durchaus räumlichen, ganz winzigen Bezirk gefangen. Und der Ahriman versucht, das ganze Ätherische in so etwas hineinzubringen, also in diese Sphäre zu materialisieren.

Zum Beispiel so etwas wahrzumachen wie: das menschliche Denken sei nur Gehirnvorgang, sei im Prinzip nichts anderes als künstliche Intelligenz. Das heißt, ich könnte dann auch das Bewusstsein, das Geistige des Menschen im Grunde auf einen Computer kopieren – das steht dahinter. Aber dann habe ich natürlich nur die arimanische Kopie. Denn tatsächlich wirkt auch unser höchstes Denken letztlich irgendwann bis in unser Gehirn hinein umgestaltet, bewirkt dort etwas. Und wenn ich das herausnehme, habe ich zwar nicht mehr aktuelles Denken dort drinnen, aber die Formungen, die entstanden sind, sind sehr wohl durch unser Denken hineingekommen. Aber das ist heute vielfach – ich sage es ganz offen –, durch unser Bildungswesen ist heute die Programmierung des Menschen zu einem streng gehirngebundenen arimanischen Denken im Gange, unter Auslöschung alles dessen, was geistig sein könnte, unter Ausschaltung eines wirklichen, eines wirklich schöpferischen Denkens.

Wir müssen für die Zukunft aufpassen, dass das, was Wissenschaftler heute schon behaupten – dass es nur Gehirntätigkeit sei, die man irgendwann auf künstliche Weise mit einem Computer simulieren könnte –, nicht Wahrheit wird, und dass wir nicht an Menschengestalten herumlaufen haben, die tatsächlich solche Gehirncomputer sind, vielleicht noch mit künstlicher Erweiterung. Das ist durchaus schon angedacht, Ansätze dazu gibt es bereits, und es wird unter Garantie gemacht werden – die Verbindung des Menschen mit der Maschine. Ich erinnere an den Ausspruch von Rudolf Steiner: Die ganze Erde wird einmal ein selbsttätiger elektrischer Apparat werden. Das heißt, die ganze Natur wird sich in diese Richtung entwickeln, das ist zumindest eine Tendenz, die da ist. Und wir werden aufpassen müssen, dass nicht wirklich die ganze Erde dem verfällt, sondern dass genügend übrigbleibt, was dann ins Neue Jerusalem hineingeht – was noch vergeistigt werden kann. Aber mit Sicherheit wird ein Teil herausfallen, eben genau der Teil, wo die Erde zum elektrischen Apparat wird, und es kommt dazu die Zusammenschmiedung des Menschen mit dem Maschinenwesen.

Auch das wird mit Sicherheit kommen, es kündigt sich schon an, es gibt Ansätze. Und dabei ist auch zu beachten, dass Rudolf Steiner sagt, man müsse das gar nicht nur als schädlich empfinden – es wird kommen, es gehört zur Menschheitsentwicklung dazu. Gefährlich wird es dann, wenn es die Überhand bekommt und wenn wir es nicht überwinden lernen. Diese Erscheinungen kommen alle dazu, dass wir einen Ansporn haben, sie zu überwinden. Und wir können nur in Wahrheit an den realen Situationen lernen – wir können nicht in einen Simulator gehen, es dort ausprobieren und sagen: Jetzt habe ich es trainiert, damit ist es für mich abgehakt. Sondern ich muss es in der Wirklichkeit ausprobieren. Das heißt, wir werden in irgendeiner Form damit konfrontiert werden. Das heißt nicht, dass wir uns alle etwas einpflanzen lassen müssen – es wird sicher Tendenzen geben, dass man uns dazu zwingen will, aber wir müssen am Phänomen lernen. Es werden Menschen sein, die so werden, es wird Teile der Natur geben, die voll durchelektrisiert, durchtechnisiert sind. Es werden solche Sachen kommen, dass auch in die Atmosphäre eingegriffen wird, künstliche Wetterregulation und dergleichen. Diese Dinge werden alle kommen. Es braucht aber ein Gegengewicht.

Landwirtschaft, Freiheit und Ahrimans Grenzen 00:55:42

Daran ist zum Beispiel so wichtig, was wir in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft tun. Wir sehen, die jetzt vorherrschende Landwirtschaft bewirkt genau das Gegenteil. Es ist eben ein Unterschied, ob ich Pflanzen durch Züchtung weiterentwickle – wo der Mensch gestaltend in der Natur wirkt, neue Formen hervorbringt – oder ob er es durch Gentechnik macht. Das wird in der Wissenschaft nur noch nicht erkannt, weil man sagt: Was ich genetisch feststellen kann, da ist eine genetische Veränderung, dort ist eine genetische Veränderung, das ist eigentlich kein Unterschied, es geht nur schneller und schonender, mit weniger Zeitaufwand, man kann es noch präziser maßschneidern. Aber es geht alles das verloren, was zum Beispiel die Erfahrung des Züchters ist, der – ob ihm das bewusst ist oder nicht – eine gewisse geistige Wahrnehmung hat, was er mit dieser Pflanze tun kann, wie er sie weiterentwickeln kann. Der genau sinnlich beobachtet: Aha, da ist eine besondere Nuance, die durch den geistigen Einfluss entstanden ist, die fördere ich, die hat eine besondere Qualität, die bringe ich weiter. Dazu muss man ein Gespür haben für diese Eigenschaften, die da drinnen sind. Denn wenn nur der Nutzeffekt zählt – liefert hohen Ertrag –, ist das schon wieder eine Einseitigkeit, die zulasten der inneren Qualität geht.

Denn alle Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, können natürlich für den Körper förderlich oder schädlich sein, mehr in die eine oder andere Richtung, aber auch für unsere geistige Entwicklung förderlich oder hemmend. Als Menschheit insgesamt müssen wir uns damit auseinandersetzen, und der wirklich bewusste Umgang mit der Natur, sie zu gestalten, das lernen wir eben auch am schrecklichen Gegenbild. Da wird nichts vorbeiführen. Das heißt nicht, dass wir das jetzt fördern müssen, damit wir lernen können – es wird so oder so kommen. Aber wir müssen an den Gegenimpulsen, die da drinnen sind, lernen. Das ist die Schicksalssituation des Menschen, der, wie Jean-Paul Sartre gesagt hat, zur Freiheit verdammt ist. Man könnte es aber auch positiv sehen, und da hoffe ich, dass man es auch positiv sehen kann. Es ist wie immer ein nicht so kleines Körnchen Wahrheit drinnen: Der Weg zur Freiheit setzt uns auch in gewisser Weise unter Druck, weil wir etwas unternehmen müssen. Wenn wir nichts unternehmen, wenn ich meine Freiheit so verstehe, dass ich nichts tue, dann werden wir genau beim Gegenteil der Freiheit enden – eingespannt in dieses durchmechanisierte, durchorganisierte, arimanische Wesen.

Das hat durchaus einen hohen Perfektionsgrad erreicht, keine Frage. Alles, was der Ahriman erreicht, ist lange Zeit auf jeden Fall viel perfekter, als wir Menschen erreichen. Nur sind wir irgendwann auf der Überholspur – der Ahriman bleibt irgendwo stehen, weil sein Potenzial erschöpft ist, im Großen genommen. Die arimanischen Wesenheiten sind alle an dem Punkt, dass ihre Entwicklung, ihre Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt sind. Sie können zwar etwas erreichen, was sie vielleicht als Vollkommenheit bezeichnen, aber sie bezeichnen es nur so, weil sie das andere nicht sehen. Es ist etwas, das perfekt läuft, aber ohne Freiheit ist es trotzdem viel weniger vollkommen als eine Welt, die in der Freiheit besteht – in der jeder einzelne Mensch, jedes einzelne geistige Wesen, das diese Freiheit erwerben kann, ein unendlich größeres Potenzial hat. Die Welt, die nicht aus der Freiheit ist, sei sie auch von oben geregelt, hat ihre Grenzen.

Schöpfung, Widersacher und die Wärme als Willenskraft 01:01:04

Da kann selbst der liebe Gott nichts dagegen machen, weil die Schöpfung darin besteht, dass die Trinität, die göttliche Quelle, schöpferisch wird. In erster Linie entstehen daraus geistige Wesenheiten. Und dass es unten ankommt, letztlich bei uns in der physisch-materiellen Welt – da sind wir schon ganz auf der untersten Stufe, unter der Stufe der Engelwesenheiten, da sind wir schon bei den ins Negative gespiegelten, luziferischen und arimanischen Erzengeln und so weiter. Dann gibt es auch höhere Stufen. Man muss sehen, dass diesem Schöpfungsprozess, auch dieser Entwicklung zur Freiheit des Menschen hin, eine höhere Notwendigkeit zugrunde liegt. Würde die Schöpfung so weitergehen, verliert der Impuls, der von der göttlichen Quelle kommt, an Kraft, je weiter er heruntersteigt – je niedrigere geistige Wesenheiten den Impuls übernehmen und ausführen sollen.

Die unterste Stufe ist aber letztlich die entscheidendste, weil das ist das, was wirklich als äußere Schöpfung hervortritt. Und es ist die Frage, ob der Weg so weitergeht, dass das immer noch tiefer sinkt. Denn die kleineren, die jüngeren schöpferischen Wesenheiten sind zum Teil einfach überfordert mit dem Impuls – manche können ihn besser umsetzen, manche weniger gut. Sie haben da keine Freiheit drinnen, aber unterschiedliche Geschicklichkeiten, und dadurch unterscheiden sie sich auch. Das war auch der Grund, warum ausgewählte Wesenheiten ganz gezielt in diese Widersacherrolle versetzt wurden, weil sie sich dazu geeignet haben. Sie haben eine ganz spezielle Eigenschaft: Manche Eigenschaften, die andere Wesenheiten ihrer geistigen Wesensklasse viel besser haben, sind bei ihnen schwächer, aber sie haben stärkere Kräfte bezüglich alles dessen, was nach unten führt. Selbst die Throne – von den Thronen geht es aus, dort kommt am alten Saturn die Wärme, und das ist die Wärme, die heute überall drinnen steckt, auch in der festesten Materie.

Aber jetzt geht es Stufe für Stufe herunter, bis dorthin, dass arimanische Wesenheiten die Wärme so stark einfangen können, dass sie letztlich als Stofflichkeit, als wirklich Stoffliches, sogar mineralisch Stoffliches, in Erscheinung treten kann – und eigentlich in Wahrheit nur Wärme ist, nichts anderes. Und diese Wärme, wenn ich in die seelische Wärme hineingehe, also ätherische, seelische Wärme – was ist sie dort? Seelische Wärme ist vor allem auch Willenskraft. Nicht nur einfach Gefühlsebene, sondern mehr als Gefühlsebene, es ist Willenskraft drinnen. Wenn ich also anderen Menschen Seelenwärme entgegenbringe, gebe ich etwas aus meiner Willenskraft – etwas, das wirklich kraftspendend ist, Anregung ist, das im Anderen etwas anstoßen kann. Das kann die reine Gefühlsebene alleine noch nicht. Die Gefühlsebene ist so eine Umschaltebene: Eigentlich bildet sich das Gefühl zwischen Denken und Wollen, und dazwischen, wo sich das begegnet, entsteht das Gefühl in uns. So wie in uns das mittlere Prinzip auch stark mit der Atmung zusammenhängt, aber eben auch mit Warm und Kalt – Wärmeatmung haben wir ja auch in Wahrheit. Und wir müssen unsere Eigenwärme halten, aber wir geben auch immer wieder Wärme ab, müssen sie aber in uns halten. Aber da ist auch immer Willenskraft drinnen tätig, gerade in der Wärme. Wenn man es in Wahrheit nimmt, ist Wärme Willenskraft – das ist die Wahrheit der Wärme. Wenn es ätherische Wärme wird, ist es auch noch durchaus Willenskraft, die aber schon ins Formende hineingeht, wo das in einer gewissen Weise festgehalten wird. Reine Wärme ist eben pure Willenskraft, aber noch nicht gestaltend in dem Sinn, weil alle Gestalten noch möglich sind. Aber mit allen Gestalten bringe ich es nie zu einer äußeren Schöpfung, zu keiner äußeren Formung – dazu braucht es diese Beschränkung, dieses Gefangenwerden. Da ist schon leise etwas Arimanisches drinnen, weil das die Spezialisten fürs Fangen sind: Lebensätherkräfte, Klangätherkräfte möglichst hinunterzubringen, weil es notwendig ist, das in die Wärmekraft umzusetzen, damit etwas zur äußeren Gestaltung kommt.

Der Lebensäther ist zwar, wenn er über uns schwebt, lebendige Gestaltungskraft, aber er tut noch nichts – er muss, zumindest hier auf Erden, bis ins Stoffliche hineingreifen, hinunter bis zum Wärmeäther, und durch den überträgt es sich in die Formung. Das heißt, die Formkraft von oben wird dadurch äußere Formkraft. Sie schlüpft durchs Tor der Wärme.

Das Eis-Beispiel: Wärme und Formkraft 01:08:54

Interessant, ich habe es glaube ich schon öfter erwähnt: Wenn zum Beispiel Eis schmilzt – ich kann es in einen Topf geben, ihn auf den Herd stellen und ein Thermometer hineintauchen. Solange noch Eis, oder genügend Eis, drinnen ist, bleibt die Temperatur bei null Grad. Jede Mischung, wenn schon Wasser drinnen ist und noch Eiswürfel schwimmen, hat null Grad. Und was tut die Wärme? Es kommt ja jetzt Wärme, es wird aber nicht wärmer. Ich heize und heize, und es wird nicht wärmer. Aber die Wärme fängt an, das Eis aufzulösen und in Bewegung zu bringen. Sie macht es zwar nicht wärmer, aber sie macht das Eis beweglich, bis es schließlich flüssig wird. Das heißt, bei dieser Umwandlung vom Eiszustand in den wässrigen Zustand verschwindet Wärme und ist äußerlich nicht mehr messbar. Ich stecke die Wärme hinein, und sie ist scheinbar weg.

Interessanterweise wird diese Wärme, wenn das beweglichere Wasser wieder gefriert, wieder freigesetzt. Tatsächlich, im Winter, wenn es schneit, wenn sich aus dem Wässrigen die Kristalle, die Schneekristalle bilden, wird Wärme freigesetzt, und zwar ganz real, physikalisch messbare Wärme. Und wenn es wieder aufgelöst wird, verschwindet sie wieder aus der physischen Erscheinung. Sie drückt sich äußerlich aber in einer anderen Gestaltung aus: Wenn die äußere Wärme verschwindet, geht es in diese bewegliche Gestalt über. Wenn es sich zu einer Gestalt formt, wird die Wärme nach außen abgegeben – ganz interessant, aber dafür habe ich jetzt eine Gestaltformung. Und da sind wirklich höhere Ätherkräfte gestaltend geworden, aber bis hierher heruntergerutscht – das rutscht dann sozusagen durch die Wärme hinaus. Da rutscht in Wahrheit nicht nur Wärme hinaus, sondern auch höhere Ätherkräfte. Und nur der Ahriman sucht, es in seinen Bereich zu bringen, weil es etwas anderes ist, ob es im höheren Bereich bleibt oder in die Wärme heruntergezogen wird. So wie äußere in innere Wärme verwandelt werden kann, können auch die Ätherkräfte ineinander verwandelt werden: Lebenskraft wird stufenweise in Klangätherkraft, in Lichtätherkraft und schließlich in Wärmeätherkraft umgesetzt. Es rutscht immer mehr herunter bis ans Äußerliche, und wenn es als Wärme hinausgeht, bleibt die feste Gestalt – es kristallisiert.

In feinerer Form ist es ein ähnlicher Übergang, nur beweglicher, wenn Wasser zu kochen beginnt oder Wasserdampf wieder kondensiert. Wenn ich den Topf aufheize, bleibt er beim normalen Luftdruck bei hundert Grad, solange das Wasser kocht – ein bisschen auf, ein bisschen ab, je nach Luftdruck. Im Hochgebirge kann es schon bei achtzig Grad sieden, aber dann hält es die achtzig Grad. Das heißt, die ganze Wärme führt nicht dazu, dass es heißer wird, sondern dazu, dass es kocht, dass das flüssige Wasser in Dampf, in den gasförmigen Zustand verwandelt wird. Der umgekehrte Weg ist eben der, wo es in die Gestaltbildung geht – Eiskristalle, Schneekristalle. Und das ist nur ein einfaches Beispiel, es gibt viel kompliziertere, wo auch kompliziertere Formen entstehen. Aber so werden eigentlich Formen letztlich aus dem höchsten Geistigen heruntergeholt, bis in die physisch-stoffliche Welt hinein. Und da wirken die arimanischen Wesenheiten sehr stark mit, die dafür sorgen. Denn ohne sie würde zwar auch eine Gestaltbildung stattfinden, es würde etwas ins Physische kommen, aber es wäre doch etwas ganz anderes, als wenn es bis ins Materielle kommt, wo es geradezu eingefroren wird. Das Beispiel mit dem Eis deutet ja darauf hin, dass die Gestalt eingefroren wird: Der noch nur physische, aber nicht stoffliche Schneekristall ist anders.

Schneekristalle und der Phantomleib als Formennetz 01:13:14

Der hat durchaus die geometrischen Gesetzmäßigkeiten, die auch der festgewordene, stofflich gewordene Eiskristall hat, aber er hat eigentlich alle Formen drinnen, die Schneekristalle überhaupt annehmen können. Wenn ich ihn verfestige, ist nur mehr eine drinnen. Wir haben schon gesagt: Jeder Schneekristall ist eigentlich anders, jeder ist ganz individuell gestaltet. Aber der Preis dafür ist, dass er jetzt auf diese eine Gestalt fixiert ist und nicht mehr beweglich – er kann zwar wieder schmelzen, das ist zum Glück noch möglich, aber bei den äußeren Kristallen hört es irgendwann auf. Es ist ja auch ein langer Prozess, bis die Mineralien draußen durchkristallisieren, das kommt eigentlich auch aus dem Flüssigen heraus, und bis es durchkristallisiert ist, ist das ein langer Prozess in der Natur draußen. Da sind sehr wohl Lebenskräfte drinnen, die aber zum Schluss zur Erstarrung führen. Und dann hat auch jede Kristallart ihre typische Geometrie. Aber wenn man genauer hinschaut, ist trotzdem jeder Rubin einzigartig – in jedem ist eine dieser möglichen Gestalten fest geworden. Im übersinnlich Physischen hat er alle Formen, zumindest einen Ausschnitt aus allen, die möglich sind, jedenfalls viel mehr, als in der einzelnen Erscheinung da ist, wodurch er sich von allen anderen unterscheidet.

Aber im Physischen selber, im übersinnlich Physischen, hat der ideale Rubin oder der ideale Schneekristall wirklich alle Formen. Und wenn es näher an das Stoffliche herangeht, wird es eingeschränkt – dann ist noch immer eine riesige Fülle, aber nicht mehr alles möglich. Und wenn es schließlich fest geworden ist, dann ist es aus, dann bewegt es sich nicht mehr, dann ist es ganz einseitig geworden, aber individualisiert. Das ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, sondern auch eine Voraussetzung dafür, dass sich der Mensch auf Erden individualisieren kann. Denn es wirkt in ihm die Ich-Kraft, die göttliche Kraft, aber sie individualisiert sich im Menschen, in jedem Einzelnen ist die göttliche Kraft in Form seines Ich wirksam, aber in individueller Form. Das heißt, es ist eine bestimmte Palette von Formen herausgenommen.

Zum Beispiel unser übersinnlich-physischer Leib, den Rudolf Steiner auch den Phantomleib genannt hat: Er hat das Bild, es sei wie ein Netzwerk, in das die Stoffe hineingefügt sind. Die eigentliche physische Gestalt des Menschen ist also so eine Art unsichtbares Netz – das sind eigentlich die Formkräfte, die das Stoffliche im stofflich Erstarrten drinnen halten. Es sind die ganzen Formkräfte, aber sie erstarren letztlich in einer mehr oder weniger unbeweglichen Gestalt. Der Ahriman versucht, das möglichst in diese Einseitigkeit, in die Spezialisierung hineinzubringen. Je mehr ich ins Geistige hinaufgehe, desto mehr komme ich ins Universelle hinein, in immer höhere Ebenen. Das, was Schneekristall wird, steigt auf und wird etwas, das noch ganz andere Formen haben kann, die sich in den einzelnen Schneekristallen nicht verwirklichen, sondern die geometrische Formen sind – das Physische hat mit geometrischen Formen zu tun, allerdings nicht äußerlich sichtbar, und die Formen werden oben immer reicher. Das heißt, selbst die Idealform aller möglichen Schneekristallformen ist ein Ausschnitt aus dem, was noch mehr und reicher ist. Und dort kommen wir hin, wenn wir uns unseren Phantomleib, unseren übersinnlich-physischen Leib, vorzustellen versuchen, und bekommen damit eine erste Vorstellung davon.

[An dieser Stelle kam es zu einer kurzen technischen Unterbrechung im Livestream, die Wolfgang kommentierte, bevor er fortfuhr.]

Also, der Phantomleib des Menschen ist ein wunderbares Gebilde, weil er diese lebendige Vielfalt in einer trotzdem ganz individuellen, aber beweglichen Form ist. Unser Phantomleib, sprich dann auch unser Auferstehungsleib, spielt alle diese Formmöglichkeiten durch, und er ist trotzdem individualisiert, weil der Auferstehungsleib eines anderen Menschen trotzdem wieder anders ist. Und wenn wir noch weiterdenken, in Richtung Neues Jerusalem: Dann macht die Gesamtgestalt der Phantomleiber aller Menschen, die je auf Erden gelebt haben, das aus, was den Bau des Neuen Jerusalems ausmacht.

Der Auferstehungsleib, das Neue Jerusalem und die Zeit 01:22:44

Das steckt dahinter: dieses ganz Bewegliche, jeder Mensch seine eigene, vielfältigste Gestalt, die natürlich viel reicher ist als jetzt der Schneekristall – der ist ein kleiner Splitter im Vergleich dazu. Wir tragen die bildenden Kräfte in uns, zum Beispiel aller Mineralformen. Und darüber hinaus ist das Ganze lebendig beweglich. Das ist das, was ich schon vor etlichen Vorträgen gesagt habe: dass unser Auferstehungsleib in Wahrheit ein lebendiger Kristall ist, unser Geistesmensch, auch wenn man es so nennen will, denn es läuft aufs Selbe hinaus. Der Auferstehungsleib, den wir am Ende der ganzen kosmischen Entwicklung haben, besteht aus dieser ganz individualisierten, vergeistigten Form des Physischen, die aber ganz beweglich ist – man kann sie nicht als eine Gestaltung beschreiben, sondern nur sagen, sie ist in ununterbrochener Bewegung, und trotzdem ganz individuell geprägt. Das von allen Menschen zusammengenommen baut an dem Neuen Jerusalem.

Das sind Kräfte, die wir jetzt von oben her herunterholen müssen, weil wir das alles selber noch nicht können. Aber wir werden es, wenn es gut läuft, verwirklicht haben am letzten kosmischen Entwicklungszustand, dem sogenannten Vulkanzustand. Der spiegelt den ersten Zustand, den alten Saturn, diese reine Wärmewelt, wider – er wird wieder eine reine Wärmewelt sein, aber komplett durchformt. Er wird nichts äußerlich Stoffliches haben, aber bis zum wärmeätherischen Element heruntergehen, zeitweise sogar bis zur physischen Wärme. Aber die richtige Vergeistigung, mit der wir ans Ende unserer Entwicklungskette kommen – und ihr wisst, das Ende ist eigentlich wieder ein Anfang, ein neuer Anfang –, ist eine gewagte Schau über das, wohin wir eigentlich noch gar nicht konkret schauen können, aber wo wir doch wissen können, dass es weitergeht, auch wenn es nicht mit unseren Zeitbegriffen zu fassen ist.

Zeit ist sowieso ein Riesenphänomen. Selbst heute gilt noch in gewisser Weise das Wort des Augustinus, der so viel über die Zeit geschrieben hat: Solange ich nicht darüber nachdenke, weiß ich, was Zeit ist. Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, weiß ich es nicht mehr, dann verstehe ich es nicht mehr. Das ist eines der ganz großen Probleme, weil es wirklich mit der Weltentwicklung im ganz Großen zu tun hat. Das Geheimnis der Zeit entschlüsselt sich nur, wenn man die ganze Weltentwicklung zusammenschaut, über diese sieben Stufen, und dann gibt es einen gewissen Schnitt, einen Neuanfang, wo wieder etwas Eigenes entsteht. Aber die Zeit – da hängt alles mit allem gesetzmäßig zusammen. Die letzte Stufe, am Vulkanzustand, dem siebten Zustand, hat etwas mit dem Anfang des alten Saturns zu tun, in Wahrheit. Dort sind schon Weichen gestellt worden für das, was am Ende möglich sein wird. Aber trotzdem kommt mit jedem Entwicklungsschritt etwas Neues hinzu, und insbesondere ab dem Moment, wo der Mensch beginnt, seine Freiheit zu entfalten, kommen unendlich viele neue Möglichkeiten dazu, weil jeder Mensch sich bis ins Physische hinein individuell gestaltet und schöpferisch etwas wirklich Neues dazubringt – Formen, die vorher nicht einmal denkbar waren, die nicht einmal die geistige Welt gedacht hat.

Fraktale, neue Formen und der Beginn des geistigen Malens 01:28:46

Es werden Grundformen vorkommen, die es schon auch in der geistigen Welt gibt, weil im Grunde die ganze Geometrie, die wir benutzen, um die äußere Welt zu beschreiben, letztlich aus dem Geistigen herauskommt, als formendes Prinzip. Nur ist sie dort so dynamisch, so in Bewegung, dass wir mit unserem Denken heute noch sehr schwer mitkommen – wir sind schon froh, wenn wir Dreiecke und Grundgeometrie zusammenkriegen. Und in der höchsten Stufe ist es ganz lebendig, es kommen fantastische Formelemente dazu, nicht nur Linie, Punkt, Fläche, Kreis, sondern ganz tolle Formen, und es gibt genug Formen, die man erst später entdeckt hat. Wenn man nur an diese sogenannten Fraktale denkt: Kurven, die erstens nicht vorherberechenbar sind, sondern immer wieder neue Perspektiven geben, aber wo ein Grundprinzip entsteht und wo ganz tolle Muster entstehen.

Da sind durchaus noch Kräfte, die auch in der Natur wirksam sind, so wie sie jetzt ist, aber es wird auch darüber hinausgehen. Es wird etwas Neues geben in Zukunft, wo der Mensch mit seinem Schicksal, durch sein Karma, daran arbeitet und neue Formen gestaltet. Das werden ein Teil der Kräfte sein, die die Naturgesetzlichkeiten einmal in Zukunft bestimmen werden. Im ersten Ansatz bereits auf dem Neuen Jerusalem, der nächsten großen kosmischen Entwicklungsstufe, oder wie Rudolf Steiner sie auch nennt, dem Neuen Jupiter, wird sich das so ausprägen, dass Formmöglichkeiten in dieser Welt drinnen sind, die der Liebe Ausdruck geben und auch naturgesetzlich so wirken. Eine Geometrie des Kosmos, dieses Neuen Jerusalems, wo aus allen Poren die Liebe als wirkende Kraft hervorkommt, die entlang dieser Linien wirken kann.

Das ist wahnsinnig schwer vorstellbar, ich kann es nur in verbalen Bildern versuchen, zumindest eine Ahnung davon zu geben. Wenn man so etwas zur geistigen Schau, zur imaginativen Wahrnehmung erheben will, dann muss ich – in Anführungszeichen, denn es ist zwar leicht, doch das Leichte ist schwer, wie es Mephisto mit Recht sagt – nur beginnen, aus dem, was jetzt Andeutungen sind, selber geistig zu malen. Dann wird die Imagination immer deutlicher werden, dann ist sie bewegt, erfasst zwar trotzdem nicht alles, weil da so viel reiche Bewegung, so viel Fülle drinnen ist, aber man kriegt einmal Grundlinien mit. Und die Linien bestehen darin, dass in dieser Imagination das eine mit dem anderen verbunden ist – so male ich mir das, obwohl es eigentlich gar nicht räumlich ist. Aber in der Imagination male ich es mir so. Und je mehr ich mir die Fähigkeit entwickle, dieses geistige Malen zu üben, umso deutlicher wird die Imagination.

Rudolf Steiners Wandtafelzeichnungen als Vorbild 01:35:47

Und da sind wir gleich bei einem Punkt, den ich am Anfang schon angedeutet, aber nicht ausgeführt habe. Diese Imaginationen, die wir jetzt selber malen, haben nämlich genau den gegenteiligen Charakter wie die alten Imaginationen, von denen wir gesprochen haben, welche Intensität sie haben, deutlich über der Intensität der Sinneswahrnehmung. Selbst heute noch, wo wir schon so stark im Sinnlichen draußen sind, ist ein wirkliches, im alten Sinne hellsichtiges Erlebnis wesentlich intensiver in all seinen Qualitäten. Es sind zwar eigentlich die Sinnesqualitäten drinnen, aber sie sind total übersteigert. Bei der neuen Form der Imagination, die aus dem Willen herauskommt – alle moderne Einweihung ist eine Willenseinweihung, eine zeitgemäße, die unserem Zeitalter entspricht –, ist es ein Wille, der ins Denken geschickt wird und dieses Denken bis ins imaginative, bis ins bildhafte Denken weiterführt.

Aber da ist es vom Anfang an ganz blass. Ich sehe noch gar nichts, weil ich noch gar nicht gemalt habe, aber ich habe im Denken, im zunächst noch bildlosen Denken, irgendwelche Zusammenhänge erfasst. Ich spüre die Stimmung, ich spüre die Willenskraft, die darin ist, und jetzt fange ich langsam an, zu malen, mir eine Imagination aufzubauen. Rudolf Steiner macht das so schön, zum Beispiel bei den Jahreszeiten-Imaginationen, wie er Schritt für Schritt das Bild aufbaut. Da kommt ganz deutlich heraus: Es ist nicht einfach so, dass man das geistige Auge aufmacht und es steht da, sondern es wird geschildert, wie es aufgebaut wird, wie es gemalt wird – wie Rudolf Steiner es selbst gemalt hat, und wie er eigentlich genau diesen Malprozess schildert und miterleben lässt, dass das nicht einfach willkürlich ist, ich baue es hin, wie ich es mir vorstelle, sondern ich habe die geistige Erfahrung, die ich ins Bild umsetzen muss – weil die geistige Erfahrung zunächst bildlos ist, ähnlich wie bei unserem Ich. Wenn wir Glück haben – das werden die meisten haben –, habe ich ein Ich, auch wenn viele es mit dem Ego verwechseln, aber man hat zumindest das Bewusstsein: Ich habe ein Ich, irgendwo ist ein Zentrum, das bin ich, aber was genau, weiß ich noch nicht. Es ist wie ein Punkt.

So fängt es bei der Imagination auch an, bei der geistigen Wahrnehmung: Ich habe da etwas, aber ich sehe es noch nicht. Ich muss erst daran arbeiten, meine Willenskraft in Tätigkeit bringen, selber das Bild malen, sozusagen aus dem Punkt heraus, der eigentlich komplett unsichtbar ist, weil er ausdehnungslos ist. Wenn wir einen Punkt hinmalen, ist es ja schon kein Punkt mehr, sondern ein Kreis, eine dicke Ahnung, wenn ich es mit einem Bleistift zeichne. Den wirklichen Punkt kann ich nur im Denken erfassen, anders geht es nicht, weil der Punkt ausdehnungslos ist – eigentlich nichts, gar nichts ist er im Grunde. Und trotzdem ist er, indem ich ihn denke. Es ist paradox irgendwo. Und jetzt muss ich diesen Punkt sichtbar machen, indem ich ihn zum Bild forme, aus dem Punkt heraus gestalte. Ich habe einmal das Geistige so: Da ist alles Mögliche, ich spüre das, aber ich sehe es noch nicht – aber ja, da ist ein Zusammenhang, schon eine Linie da, da ist noch ein Zusammenhang, schon wieder eine Linie, und die hat eine bestimmte Farbe, vielleicht eine bestimmte Geschmacksqualität. Und so baue ich die Imagination auf.

Das ist das, was Rudolf Steiner immer wieder in seinen Wandtafelzeichnungen gemacht hat, ohne darauf zu achten, eine fein ziselierte künstlerische Ausarbeitung zu machen, sondern sehr schnell, sehr zügig, mit ein paar Strichen, vielleicht nur mit weißer oder bunter Kreide, hingesetzt – und damit einmal eine Hilfe zu geben, erstens durch die Schilderung, aber auch durch die Tafelzeichnung: Wie funktioniert so ein Prozess, die Imagination zu entwickeln, die dann auf der Tafel nur einen Abglanz hat, aber wo man doch die Bewegung, gerade für die, die wirklich anwesend waren, als Rudolf Steiner das gezeichnet hat, miterleben konnte. Wenn es nur mehr fertig da ist, ist es eigentlich schon wieder tot – es ist eigentlich der Prozess des Malens, des Zeichnens, um den es geht, in jedem Schwung, der darin liegt. Das sind Musterbeispiele dafür, wie man in Richtung eines modernen geistigen Wahrnehmens geht. Es berührt mich, es ist wie ein Punkt, der für mich bewusst zu werden beginnt – da ist der Punkt, ich weiß, da ist etwas. Und ich muss ihn nur ergreifen und tätig werden, dann beginnt die Imagination, sich aufzubauen. So Schritt für Schritt, wie es Rudolf Steiner etwa bei diesen Jahreszeiten-Imaginationen zeigt, finde ich es ganz besonders deutlich – aber es gibt viele andere Beispiele, auch wo es rein verbal geschieht, weil es keine Tafel gab, aber wo es trotzdem drinnen ist. Es wäre vielleicht auch interessant, sich einen Text von Rudolf Steiner ohne Wandtafelzeichnungen herzunehmen und ihn selber ins Bild zu bringen, einmal gedanklich, man kann es auch äußerlich probieren zu zeichnen, das kann durchaus eine Hilfe sein – später kann man es weglassen, genauso wie die Wandtafelzeichnung.

Und wenn ich das weiterführe, kann ich die Imagination sogar noch weiterführen, weil auch das, was Rudolf Steiner gegeben hat, einmal ein Überblick über das Ganze war. Da lässt sich jedes Detail noch unendlich verfeinern, ein Ende gibt es im Grunde nie. Beim besten Willen hätte Steiner es nicht mehr geben können, und es wäre auch nicht gut gewesen, weil wir aufgefordert sind zu sagen: Da ist die Anregung, aber jetzt muss ich das Bild eigentlich weitermalen, muss es studieren – das gibt eine Hilfe, macht mir etwas bewusst von dem Pünktchen, das da drinnen ist, aber eigentlich muss ich es selber tun, nachgestalten, weitergestalten. Dann kann ich andere Details herausholen, weil es noch unendlich viel zu erleben, zu erfahren, kennenzulernen gibt. Die geistige Welt ist im Grunde unerschöpflich reich.

Individuelle Bilder und die Symbolsprache alter Schriften 01:42:57

Und es wird sicher, wenn man sich auf den gleichen geistigen Punkt fokussiert, die Bilder einen ähnlichen Charakter haben, aber sie werden doch individuell von Mensch zu Mensch auch Unterschiede haben. Das gab es auch beim alten Hellsehen: Es schildert der eine das Ereignis ähnlich, aber nicht genau gleich wie ein anderer Hellseher, der vielleicht das mehr oder minder selbe Erlebnis hat. Man darf sich nicht vorstellen, dass man mit dem geistigen Fotoapparat hinübergeht und alle knipsen dasselbe. Es war eben auch dort, nur unbewusst, die Notwendigkeit gegeben, das Bild zu malen. Und indem ich male, hebe ich bestimmte Aspekte mehr heraus, andere vielleicht gar nicht, die fallen unter den Tisch. Dadurch ergibt sich ein Bild, bei dem ich erkennen kann: Das ist die gleiche Imagination, aber es sind ein paar Dinge mehr drinnen, die bei einem anderen, der es geschildert hat, nicht drinnen sind. Und beide haben recht, sie haben beide nicht das Vollständige – das wird auch keiner von uns schaffen, alle Perspektiven herauszuholen.

Man muss sich, gerade bei den Imaginationen, wenn man richtig im Malen drinnen ist, auch eine gewisse Auswahl, eine gewisse Perspektive geben, sonst fängt es an, so richtig zu wuchern, und mit der Zeit erreicht man, dass man eigentlich wieder gar nichts mehr sieht, weil das Bewusstsein es nicht mehr fasst. Es ist, wie wenn ich ein Bild male und noch darübermale und noch eine Schicht darüber, dann kenne ich mich irgendwann nicht mehr aus, es wird ein Einheitsbrei. Also muss ich eine gewisse Auswahl, eine gewisse Perspektive treffen, und die ist natürlich bei jedem Menschen anders – insbesondere anders, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen, weil sie andere sinnliche Wahrnehmungen in ihrer Kultur gewohnt sind. Das geht ein, weil es dieselben Kräfte sind, mit denen wir nach außen wahrnehmen, wenn ich sie sinnlich nach außen wahrnehme – aber wenn ich die Kräfte der zweiblättrigen Lotusblume, die bei der sinnlichen Wahrnehmung nach innen gerichtet sind, nach außen auf die geistige Welt wende, dann habe ich trotzdem verschiedene Perspektiven. Und das drückt sich umgekehrt wieder aus in den sinnlichen Bildern, die ich vielleicht symbolhaft male, in den Wandtafelzeichnungen, in den Gemälden, in den Sinnbildern, in den Symbolen, die man daraus gestaltet.

Es kann auch etwas ganz Symbolisches gestaltet sein, wo die Formensprache sehr karg wird – die wirklichen großen Symbole sind eine hohe Kunst. Dass Menschen daraufgekommen sind, ein Kreis mit einem Punkt drin ist eigentlich ganz simpel, aber dieses ganz Große in dieses Bild zusammenzufassen und dafür dieses Bild – Kreis mit Punkt – zum Beispiel für die Sonne zu finden, ist eine riesige Leistung. Die ist viel größer, als wenn ich detailliert schildere, welche Falten der Engel im Gewand gehabt hat und wie die Nase war – das sind eher die unwichtigen Dinge. Die Kunst ist am größten, das in ein paar wenige Striche hineinzubringen. Das ist das Wunderbare und der Ursprung der ganzen Schriftarbeit in Asien, der chinesischen Schrift, der Schriftzeichen, die auch die Japaner benutzen – dieses malende Schreiben, Zeichnen, alles in einem. Da sieht man, wie Imaginationen festgehalten werden, das ist der Ursprung, von dort kommt es. Es ist etwas ganz Hohes. Vergleicht damit unsere westlichen Schriftarten, die sind karg dagegen – man könnte sagen, in der Beschränkung liegt die Größe, aber dazu müsste man wirklich genau erleben, warum das A so ist und warum das O so ist. Wenn man das hat und bei jedem O, das man schreibt – heute schreiben wir ja nicht einmal mehr, wir tippen nur mehr, dann erlebt man schon gar nichts mehr –, aber wenn man es in der Handschrift erlebt, dann müsste ein ganzer Kosmos aufgehen in dem, was in dem O drinnen liegt. In den alten Bilderschriften war mehr Reichtum drinnen, der jetzt, wenn man ihn versteht, in einem ganz schlichten Zeichen festgehalten werden kann. Es geht auch da der Weg vom geistigen Malen, das Hereinholen ins äußere Malen, und dann das immer weitere Vereinfachen, und dieses einfache Zeichen wird dann der Anreger, um wieder zum Bilderlebnis kommen zu können, um die Imagination zumindest in ähnlicher Art wieder aufrufen zu können.

Denn die Imaginationen, auch wenn ich sie später wiederhole, verändern sich, es ist nicht starr. Das, worauf ich geistig den Fokus gelenkt habe, hat sich in der Zwischenzeit verändert. Auch die Osterimagination – es hat noch ein bisschen Zeit, aber wenn wir langsam hingehen – verändert sich von Jahr zu Jahr, sie ist nicht gleich. Wir lesen zu den vier großen Eckpfeilern des Jahres immer wieder dieselben Imaginationen, es ist immer der gleiche Text, immer die gleiche Abbildung, und trotzdem erlebt man etwas anderes – nicht grundsätzlich etwas anderes, der Kern bleibt natürlich da, aber es kommen neue Nuancen dazu, andere werden vielleicht nicht mehr so ins Auge gefasst, es kriegt einen anderen Schwerpunkt, es bleibt im Lebendigen drinnen. Und dazu kommt, dass man dieses Osterereignis auch noch sehr viel mehr ausweiten und von einer anderen Perspektive zeigen könnte. Alles das, was Rudolf Steiner gegeben hat, ist ja letztlich Anregung, es weiterzuführen – das heißt, es selber zu ergreifen, selber letztlich zu malen, geistig zu malen, zu beginnen.

Studium alter Texte und astrologischer Symbole 01:51:14

Das ist die zweite Stufe des klassischen Schulungswegs, nach dem Studium: einmal kennenzulernen, was Menschen, die geistige Erfahrungen gehabt haben, darüber gesagt haben, was Rudolf Steiner dazu gesagt hat, aber durchaus auch andere. Nur bei älteren Texten ist es wahnsinnig schwer, sie zu verstehen, weil sie eine andere Art haben, sich auszudrücken, und das Wälzen alter Schmöker führt oft zu sehr windschiefen Interpretationen, weil man einfach nicht mehr versteht, was sie gemeint haben. Gerade die älteren Schriften wurden auch ganz bewusst so gefasst, um sie geheim zu halten, um nicht Menschen damit zu belasten, die noch nicht reif dafür sind. Das war auch ein Grund, sie in möglichst schlichte, abstrakte Symbole zu fassen. Gerade wenn man die mittelalterlichen Schriften nimmt, wo überall Geistiges drin vorkommt, bis in die Neuzeit hinein – die alchemistischen Symbole und diese Dinge, aber auch die älteren astrologischen Symbole und dergleichen: Da steckt wahnsinnig viel drinnen. Sie sind aufs Minimum reduziert, aber sie erlauben dem Wissenden, daraus die ganze Imagination herauszuholen, die dazugehört.

Das ist das, wovon ich das letzte Mal über die Astrologie gesprochen habe: Die wirklichen Astrologen konnten in der Sternenkonstellation draußen die Wirkung lesen, aber auch in dem Menschen, der zu ihnen gekommen ist, um sich ein Horoskop stellen zu lassen. Und bei einem anderen mit ähnlicher Geburtskonstellation ergibt sich trotzdem ein anderes Bild. Aber das muss man lesen können – die paar Zeichen, die da draufstehen, sind ganz karg, und wenn man nur aus denen heraus gedanklich oder nach Handbuch interpretieren will, sagt man wahrscheinlich ziemlich viel Unsinn, oder zumindest nichts wirklich Relevantes, gerade die wichtigsten Punkte übersieht man dabei. Ein Standardding ist vielleicht nicht ganz falsch, bringt aber gerade die wichtigsten Punkte nicht heraus. Man muss es lesen können. Im Idealfall, so war es früher bei den alten Astrologen und Astronomen, gab es da keinen Unterschied, es gehörte zusammen. Und es wird auch eine Zeit kommen, wo es wieder zusammengeführt wird, wo man sieht, wie das Weltschicksal, auch das Einzelschicksal, mit dem Ganzen draußen zusammenhängt, und wo man das durchaus miteinander schauen kann.

Aber dann muss man den Mut zu diesem eigenen Malen aufbringen, und sich bewusst sein: Wenn wir den Weg der Geisteswissenschaft gehen wollen, das heißt, wenn wir mit unserem wachen Ich voll dabei sein wollen bei der geistigen Erfahrung, und Schritt für Schritt uns vortasten wollen, dann müssen wir malen. Das ist ein Prozess, der dauert, das muss man üben. Und alles, was spontanes Hellsehen ist – ich habe eine Vision, oder ich habe diesen riesigen Traum in der Nacht, wo alles vor mir ist, und jetzt fange ich an, ihn zu deuten –, das wird mich nicht weiterbringen in die Zukunft. Man kann schon Träume haben, aber man wird feststellen, gerade dort, wo Menschen den neuen Weg gehen, dass die Träume, zumindest die, in die Geistiges hineinspielt, tatsächlich verschwinden.

Malen statt Träumen: der neue Schulungsweg 01:55:16

Man wird dorthin kommen, wie es Lessing sagte, der sich zugutehielt, in seinem Leben noch nie geträumt zu haben – und trotzdem ist man in der Nacht in der geistigen Welt, ist bewusst dort, und im Idealfall beginnt man im Wachzustand zu malen. Man nimmt nämlich aus der Nacht geistige Erfahrungen mit. Das heißt aber nicht, dass ich die ganze Nacht, selbst bei der sogenannten Kontinuität des Bewusstseins, von der Rudolf Steiner spricht, dauernd flimmernde Imaginationen oder Traumbilder vor mir habe. Gerade wenn es wirkliche Imaginationen im modernen Sinn sind, sind sie deswegen bildlos – im weitesten Sinne, auch Töne, Geschmäcker, Gerüche betreffend –, weil ich sie selber malen muss.

Und es ist besser, ich male sie im Wachbewusstsein. Das heißt, ich habe Kontinuität des Bewusstseins, bin wach in der geistigen Welt, nehme den Impuls mit ins Tagesleben, merke im Tagesleben: Da ist ein Punkt, der war gestern noch nicht da, den habe ich mir in der Nacht geholt. Das heißt, ich bin mit einer bestimmten geistigen Wesenheit, einem bestimmten geistigen Geschehen in der Nacht konfrontiert gewesen und hole mir das her. Ich habe zunächst, wenn ich aufwache, nicht die Erinnerung, was da alles war in der Nacht, aber ich weiß nur: Da war was – so wie der Ich-Punkt, ich kann nicht sagen was, aber ich weiß, da war was, und zwar mit der gleichen Sicherheit, wie ich weiß, dass ich ein Ich bin. Die meisten Menschen werden das sagen können, auch wenn sie nicht wissen, was das Ich ist – ganz egal, dahinter steckt auf jeden Fall immer auch das wirkliche Ich, aber es ist nur ein Punkt. Und das Ego rundherum, das ist so groß: Wenn man anfängt zu fragen, wer bin ich, dann kommt das Ego, aber in Wahrheit ist es der Punkt drinnen, der ausdehnungslose Punkt.

Diesen ausdehnungslosen Punkt nehme ich jetzt ins Tagesbewusstsein, und er lässt mir keine Ruhe – er war gestern noch nicht wirklich da, da ist etwas Neues da. Und vielleicht muss ich dann sogar ein paar Tage damit leben, und dann fange ich an zu malen, mache aus dem Punkt sozusagen etwas, baue eine neue Imagination auf, im Sinne eines neuen geistigen Weges. Man kann damit noch nicht alles erreichen heute, dazu sind wir noch zu schlechte Maler. Da ist interessanterweise das alte Hellsehen, namentlich das sogenannte Bauchhellsehen, das sehr stark mit der Aktivität der unteren Chakren zu tun hat, das dann auch wirklich sehr farbenfroh, schrill, ganz kräftig ist – das haben die Neuen eben gar nicht, das sind blasse Konturen. Ich weiß, da ist etwas, da ist etwas, da ist etwas, jedes hat seine eigene Qualität, die zusammenhängen, aber was es eigentlich ist, weiß ich noch gar nicht. Ich muss erst langsam durch das Malen enthüllen, was es ist.

Aber noch einmal ganz deutlich gesagt: Es ist keine Willkür darin. Ich kann die Blickrichtung, bildlich gesprochen, auswählen, aber ich kann nicht einfach irgendetwas hinmalen – so, wie man aus der Fantasie heraus malen würde, zumindest aus dem heraus, was man heute Fantasie nennt. Denn heute ist Fantasie: Ich stoppele alles Mögliche zusammen, was es draußen so nicht gibt, und das nenne ich dann Fantasie. Eine wirkliche Fantasie hingegen ist ein letzter Rest vom alten Hellsehen und hatte Gesetzmäßigkeiten in sich. Wenn etwas aus einer wirklichen Fantasie kommt, kommt es, wie es im Mysteriendrama vom Wahrheitsvater heißt: Da ist Wahrheit drinnen. Heute haben wir oft auch Fantastereien drinnen, aber es gibt auch gute Fantasien, sehr wohl – auch bei Künstlern, die so etwas hereinbringen, sei es im Bild oder als Text in einer Geschichte, ist es durchaus bereits ein Schritt hin zu einem neuen geistigen Wahrnehmen, auch wenn es vielleicht noch Fantasie ist und damit noch kein vollbewusstes Wahrnehmen des Imaginativen dahinter.

Aber es ist ein Anfang, und man sieht durchaus, gar nicht so wenig, was heute geschrieben, gemalt, in Filmen gebracht wird, da kommt etwas durch. Vielleicht weiß man es selber noch nicht ganz genau, was man sieht, aber man malt selber, und man sieht im Gemalten, auch wenn man es selber noch nicht so genau erkennt, dass geistige Wahrheiten drinnen sind. Da sind geradezu Porträts von geistigen Wesenheiten, natürlich in ein sinnliches Bild gebracht, wie es das alte Hellsehen letztlich auch gemacht hat, aber da steckt so etwas drinnen. Nur muss man es verstehen können. Wenn man es versteht, dann muss die nächste Ebene dazukommen, die Inspiration. Dann muss ich so weit sein, dass ich – jetzt habe ich mühsam mir dieses Bild gemalt, mühsam heißt nicht, dass es ewig Zeit braucht, man fängt an, ein bisschen zu probieren, es gelingt nicht gleich, aber wenn es gelingt, ist es irgendwann sehr schnell da, so zack, es ist da, und es ist ja sowieso immer in Bewegung. Ich bin mit dem Malen nie fertig, aber ich komme sehr schnell in diese Bewegung hinein. Aber dass ich wirklich erkenne, welche geistigen Wesen, welche geistigen Kräfte das sind, die da drinnen sind – das weiß ich nämlich zunächst nicht.

Ich spüre etwas, es ist geistig da, das kann mich sehr ansprechen, das kann mich abstoßen, sagt aber noch gar nichts über die geistige Qualität aus. Es sind oft gerade die Sachen, bei denen ich mich ungut fühle, die will ich gar nicht – das können oft die tollsten und guten geistigen Sachen sein. Und die mich sofort hinziehen, so schön, da kann sehr leicht etwas Luziferisches drinnen sein, da muss man auch aufpassen. Aber egal, ich male, baue auf, vielleicht entwickelt sich diese Imagination auch über ein paar Tage weiter, das kann durchaus sein, gerade beim modernen, wachbewussten Zugang zur geistigen Welt. Ich habe das immer irgendwo präsent und male weiter, hole mir das andere wieder, muss es eigentlich immer wieder darübermalen, in gewisser Weise nachmalen, sonst verschwindet es. Aber gerade durch das eigene Tun festigt es sich, ohne deswegen seine Beweglichkeit zu verlieren, es entschwindet mir nicht so.

Ihr wisst es selbst bei einem Traum: Wenn man aufwacht und die Augen der Sonne zuwendet, ist der Traum weg. Gerade war er noch ganz stark da, und ich brauche nur das Licht hereinzulassen, das ist so viel stärker, dass er weg ist. Und ich weiß nicht mehr, ich habe geträumt, und es war schön, oder es war ein Albtraum, aber wie es genau war, ist sehr schnell weg. So ist es bei den Imaginationen, die ich mir aufbaue, auch.

Malen und Wischen: der dynamische Prozess 01:59:37

Sie sind eigentlich in dem Moment, wo ich sie gemalt habe, schon wieder weg. Das heißt, die Wandtafelzeichnung zum Beispiel hilft mir wenigstens, das festzuhalten. So wie ich es erlebe, male ich und wische gleich wieder weg. Und ich male weiter, und wenn ich wieder herkomme, muss ich es eigentlich schon wieder neu malen, es hat sich schon wieder verändert. Es ist malen und wischen, malen und wischen – ein unheimlich dynamischer, lebendiger Prozess, der da drinnen ist.

Und dann sind wir aber immer – und das ist jetzt die Brücke zum Wochenspruch, weil wir da ja von Wahrnehmung und Denken gesprochen haben, und ich habe davon gesprochen, dass wir das auch bei der geistigen Wahrnehmung brauchen, genauso. Es kommt die Wahrnehmung, die Wahrnehmung ist aber zunächst so, dass ich, im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung, nur so einen Gesamteindruck habe – ich spüre, da ist etwas. Das ist der Punkt, der ganz deutlich da ist, aber ich fange noch nichts damit an. So wie ein Kind bei der sinnlichen Wahrnehmung, wenn es ganz klein ist, erst sehen lernen muss: Ja, es ist etwas, es ist lichtartig, zunächst unangenehm. Aber was genau es ist, nimmt es noch lange nicht wahr. Es dauert, bis überhaupt Entfernungen irgendwie eingeschätzt werden können – das bleibt lange so, selbst der Schulkinder kann Entfernung zu einem Auto oder was da herkommt noch gar nicht abschätzen, überhaupt nicht. Darum ist das so gefährlich. Als Erwachsener kann man das einschätzen, das Kind noch gar nicht. Es hat diese eigentliche, tiefe Wahrnehmung noch lange nicht so ausgeprägt wie wir.

Das muss man erst lernen. Aber selbst die einfachste Form muss man erst lernen: Warum ist da, sind da so Punkte drin? Irgendwann heißt es, das ist die Mama, da ist ein Mund, der freundlich lacht, aber es hat keinen Begriff von Gesicht, von Mund, Nase, Augen oder Haaren, überhaupt nicht. Es muss erst lernen, das selber mit den Blicken zu malen. Wir tun das dauernd, wir würden gar nichts sehen, wenn wir nur ganz steife Augen hätten, die sich nicht dauernd bewegen würden – wir würden nichts erkennen, nur Hell und Dunkel, Licht und Finsternis. Die Formen, die Gestaltungen sehen wir dadurch, dass wir sie mit den Augenbewegungen zeichnen. Nur dadurch erleben wir Formen, wir müssen sie zeichnen. Das heißt, wir können das alle, besser oder schlechter, je nachdem sehen wir auch im normalen Leben den anderen genauer oder weniger genau. Es kann sein, man begegnet Menschen und schaut nur so an der Oberfläche, weiß nachher gar nicht, wie sie ausgeschaut haben. Es ist im Übrigen bei Gesichtern gar nicht leicht, das so konkret zu behalten, daher tut sich oft auch die Polizei bei Zeugenaussagen, bei der Phantomzeichnung, schwer: Wie hat der ausgeschaut? Das ist oft mühsam.

Irgendwann wird sicher ein Bild fertig, ja, so war er – dann kommt der Nächste, es schaut anders aus, kann durchaus sein. Wenn man einen dritten holt, kriegt man noch eine dritte Variante. Es gibt sicher gewisse Grundgemeinsamkeiten, ist das Gesicht mehr rund oder länglich, aber dann wird es schon schwierig. Im Geistigen geht es uns genauso, wir müssen es erst lernen. Ja, die Zeit ist reif, wir können anfangen, aber dann darf man sich nicht erwarten, dass es irgendwann heißt: hellsichtig, ich mache meinen Schulungsweg, und dann mache ich das geistige Auge auf, und es steht vor mir. Nein, das ist es nicht, bei vielen Dingen ist es das nicht. Trotzdem kann es dann passieren – aber solche Erlebnisse, gerade nach der dunklen Seite hin, also nach Doppelgänger-Erlebnissen, malen sich sehr schnell.

Rückkehr zum Wochenspruch: Wahrnehmung wie beim Kind 02:06:38

Da malt unser Doppelgänger in uns, malt sich selber, macht sein Porträt, und der kann das sehr gut. Und das kann dann wieder sehr schockierend sein, weil er dann nicht auf die neue Weise erlebt wird, in Wahrheit, sondern auf die alte Weise. Und da er mit den dunkleren, mit den niedrigeren Kräften zusammenhängt, ist er besonders schwer bewusst zu ergreifen. Es ist aber eine Tugend heute, es ist auch ein Glück, wenn ich eigentlich sehr bald an ihn herankomme und mich an ihm schule, weil diese Kräfte uns narren, uns sehr viel in die falsche Richtung führen. Wir sind ja jetzt noch fast Fasching-Dienstag, die Narren gehen um – naja, wir alle haben jedenfalls so einen Narren in uns, der uns immer wieder narrt, aber auch unterstützen kann.

Und wir müssen auch wissen, wir haben das noch lange, lange in uns, auch wenn wir ganz bewusst und gezielt einen geistigen Weg gehen, dann bleibt das andere noch lange, lange da. Wir müssen nur schauen, und es ist auch nicht so, dass wir es gleich schaffen, ihn so zu erziehen, dass er wirklich willig unserem Ich folgt. Das geht nicht so einfach. Aber indem wir ihn wahrnehmen, obwohl er sich vielleicht in einer bestimmten Situation aufdrängt, indem wir malen lernen, sozusagen selber malen lernen, arbeiten wir auch an ihm, und wir können uns trennen von dem, wie wir das restliche Seelisch-Geistige in uns, in der Welt herum wahrnehmen. Da geht die Zukunft hin. Und dann wird es wirklich Geisteswissenschaft, weil dann bin ich voll besonnen, ganz wach dabei.

Der Doppelgänger und der ausdehnungslose Punkt 02:11:20

Aber ich fange mit dem Punkt an, mit dem ausdehnungslosen Punkt, mit der weißen Leinwand sozusagen, und in der Mitte der gedachte Punkt. Aber der ist eben nicht willkürlich gedacht, sondern darin liegt die ganze Imagination, dahinter die Inspiration, dahinter die nur intuitiv zu erfassende geistige Wesenheit oder Wesenheiten, die sich in dem Punkt jetzt einmal mehr Grund geben. Und dann heißt es: malen angehen.

Ich würde sagen, damit lassen wir es für heute gut sein, zweihundert Minuten wollen wir doch nicht wirklich machen. Zum Abschluss noch der Wochenspruch, der fünfundvierzigste:

Es festigt sich Gedankenmacht
Im Bunde mit der Geistgeburt,
Sie hält der Sinne dumpfe Reize
Zur vollen Klarheit auf.
Wenn Seelenfülle sich
Mit dem Weltenwerden einen will,
Muss Sinnesoffenbarung
Des Denkens nicht empfangen.

Ihr dürft euch das selber jetzt umdeuten auf die Imagination, das heißt auf die geistige Wahrnehmung, auf das geistige Malen. In diesem Sinne wünsche ich euch noch einen frohen Fasching-Dienstag. Jetzt dürft ihr euch noch austoben, es gehört dazu – die ganzen tanzenden Elementarwesen, die aufwachen, gute wie auch andere, die uns bewegen, sich einmal zu Bewusstsein zu führen, die dürfen jetzt tanzen, sie dürfen sich austoben, sie dürfen alles Mögliche. Aber wir bleiben im Zentrum stehen und lassen das alles um uns drehen.

Bis zum nächsten Mal, meine Lieben. Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen, die im Livestream dabei waren. Bis zum nächsten Mal.

«Ein interaktiver Vortragszyklus über den Zusammenhang mit dem Wirken Jesu Christi und dem eigenen Ich. Ausgangspunkt sind die Schriften von Rudolf Steiner, z.B. die GA 104, GA 104a und GA 346. Hier fließen sowohl Fragen und Anliegen von Zuschauern als auch eigene geisteswissenschaftliche Erkenntnisse mit ein. Und es gibt immer Bezüge zu aktuellen Themen der Zeit.»


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Literaturangaben

Rudolf Steiner, Alexandra Riggins: Die sieben apokalyptischen Siegel, Triskel Verlag 2005, ISBN 978-3-905893-02-1;

Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, GA 8 (1989), ISBN 3-7274-0080-3;

Rudolf Steiner: Die Apokalypse des Johannes, GA 104 (1985), ISBN 3-7274-1040-X;

Rudolf Steiner: Aus der Bilderschrift der Apokalypse des Johannes, GA 104a (1991), ISBN 3-7274-1045-0;

Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, V: Apokalypse und Priesterwirken, GA 346 (2001), ISBN 3-7274-3460-0;

Emil Bock, Das Neue Testament, Übersetzung in der Originalfassung, Urachhaus, Stuttgart 1998, ISBN 3-8251-7221-X

Einzelnachweise

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